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Das Letzte: Denkenlernen - unser ironischer Kommentar
Ein Freund* schrieb mir in einer Email:
* Für die jüngeren Leser/innen: Das ist jemand, den man persönlich kennt und mag, den man mindestens gelegentlich trifft und den man gerne öfter treffen würde. Ein „Freund“ ist also was ganz anders als auf „facebook“.
„Mein Anwalt (der derzeit oft am verzweifeln ist) sagte mir vor einiger Zeit: „Es muss noch einzelne Menschen geben, die an den alten Werten festhalten, damit nicht alles den Bach hinuntergeht“. Vielleicht gehöre ich zu diesen „Dickköpfen“.
… Was mir langsam richtig Sorgen macht ist die politische Entwicklung zum Thema Schulden. Die Auswirkungen sind nicht vielen Menschen bekannt, wenn diese vielen Billionen in Europa und USA den Bach hinuntergehen. Das wird richtig schlimm. Die bisherigen Mini-Streikereien und Demonstrationen, das bisschen Arbeitslosigkeit, die paar Pleite gegangenen Unternehmen sind doch alles Vorspiele. …
… Dabei vergessen wir die Verantwortung gegenüber unserer nachfolgenden Generationen. Wir werden nie in der Lage sein, diese Schuldenberge jemals abzutragen. Früher waren Kriege ein Lösungsmittel, was ich heute für ausgeschlossen halte und wünsche. Nun müssen wir anders damit umgehen. Nachhaltiges Wirtschaften ist angesagt, wobei wir wieder bei den Werten sind.
… Es bleibt abzuwarten, wohin sich dies alles entwickelt. Vermutlich muss ich mich mehr auf meinen Mikrokosmos konzentrieren, dann wird es leichter. So, nun habe ich an so einem Tag … genug philosophiert und dunkle Szenarien aufgebaut. Es ist schönes Wetter und die Erde dreht sich noch => Grund zum Feiern.“
In meiner Antwort stand folgende Passage:
„Wir sehen die Dinge an vielen Punkten sehr ähnlich. Vielleicht mit dem Unterschied, dass ich mich an Berichte über zwei rundliche Politiker mit dicker Zigarre erinnere - einer in D, einer in GB - , die das Land auf Entbehrungen einstimmten und TROTZDEM hoch angesehen waren. Aber wenn ein Land zu 75% Beamten in sein Parlament wählt, darf es sich nicht wundern, wenn unternehmerischer Geist (mit dem Mut, vorausschauend neue Wege zu beschreiten) fehlt und das Land vorsichtig verwaltet wird. Wenn ein Land 60 Jahre lang gelernt hat, dies als Demokratie zu verstehen, lebt es auch damit, dass hinter den Beamten-Politiker inzwischen Marketingberater dem Volk aufs Maul schauen, damit sie dann ihre Herren lehren, demselben Volk nach dem Maule zu reden - nein, natürlich: die nächsten Wahlen zu gewinnen. Ein Teufelskreis der Ignoranz für das Notwendige.
... Das ist der Grund, weshalb wir "bitterarm" dastehen - auf dem Papier. Finanziell nicht ganz so übel, weil wir natürlich alle Kniffe nutzen, dem Staat korrekt nur das zu geben, was wir ihm schuldig sind. Nicht das, was er verdient - aktuell wäre das nach unserer Meinung weniger.
Ein Beispiel: der Bildungsgutschein.
Alle, wirklich alle, die ich kenne, begrüßen die Idee, dass ärmeren Familien unter die Arme gegriffen wird, wenn es um die Bildung und Chancengleichheit ihrer Kinder geht. Ich finde so eine Idee auch gut. Es hört sich auch gut an: Einfach Antrag stellen, schon hat das Kind bessere Chancen auf Bildung.
Ist Ihnen bekannt, dass die meisten Anträge nach inoffiziellen Schätzungen von Familienhelfern und Lehrern ausgefüllt werden? Und dass diese in dieser Zeit über unser Sozial- oder Bildungssystem bezahlt werden? Der Grund: Der mehrseitige Antrag ist so gehalten, dass ihn die meisten ärmeren Familien (die meist auch "bildungsärmer" sind), nicht ausfüllen können.
Bis dahin würde ich immer noch sagen: "Das ist ok." Aber ein guter Teil der Anträge kommt mit (zunächst) negativem Bescheid zurück, weil er falsch ausgefüllt ist. Man merke: Der Antrag kann mehrheitlich nicht von so dummen Leuten wie Sozialpädagogen und Lehrern richtig ausgefüllt werden.
Nun spriessen - statt der Durchführung einer Verwaltungsvereinfachung - Angebote aus dem Boden, um in Schulungen Sozialpädagogen und Lehrer für die Beratungsaufgaben rund um den Bildungsgutschein fit zu machen. Just in dem Moment vernimmt man aus Berlin, man wolle dort das Antragsprozedere ändern ... - vermutlich sind dann die teuer bezahlten Schulungen "für die Katz".
Aber das ist ja nur die eine Seite! Weil ja jetzt ALLE Kinder dank Bildungsgutschein an der Schulverpflegung teilnehmen können, werden landauf, landab die Subventionen der Schülermittagstische von der Kommunalpolitik gestrichen. Konkret: ein Mittagessen kostet dann - statt bisher z.B. 1 Euro - für alle 3 Euro. Dass die Mehrzahl der ärmeren Kinder keinen positiven Bescheid für den Bildungsgutschein bekamen (vielleicht, weil Familienhelfer oder Lehrer einfach zu blöde zum Ausfüllen waren!), führt dazu, dass das jeweilige Stadtsäckel entlastet wird und mehr Kinder denn je hungrig in der Ganztagesschule sitzen.
Unterm Strich stellt sich an diesem (einen!) Beispiel die Situation so dar: Die Kinder, um die es geht, haben weniger Chancen als bisher. Die Kommunen können einsparen - an diesen Kindern! Der Bund hat nur geringe Ausgaben für ein "bildungspolitisches Großprojekt". Alle Politiker können sich werbewirksam auf die Schulter klopfen und auf Wiederwahl hoffen (weil ja jeder die Idee für gut hält und zu wenig über die Umsetzung weiß) - nur die Kinder bleiben halt auf der Strecke. Kollateralschaden auf dem Weg zum Wahlsieg.
Solche Beispiele sind es, die uns wütend machen. Und die uns dann auch verbieten, uns auf den eigenen Mikrokosmos zu reduzieren. Natürlich hat auch unser Mikrokosmos eine Berechtigung, aber wir denken uns eben immer noch gleich andere Menschen dazu. Deshalb werden wir in den nächsten Tagen noch einmal kämpfen für unseren (kleinen) Traum von einem alten Haus und einem schönen Garten. Einem Garten, in dem man in Notzeiten Kartoffeln und Kräuter anpflanzen und gesprenkelte Äpfel ernten kann. Und wir stellen uns vor, dass man das auch - ohne Notzeiten - mit behinderten oder älteren Menschen gemeinsam tun kann und dass vielleicht auffällige Jugendliche merken, dass manches langsam reifen muss, bevor es richtig gut schmeckt.
In den USA gab es im letzten Jahrhundert einen Prof. Dr. Alexander, der über Sucht forschte. Sein Institut wurde geschlossen, seine Mittel gestrichen, die Fachwelt belächelt ihn. Seine Rattenexperimente hatten belegt, dass es das Phänomen der Sucht nicht gibt. Sein schlichtes Fazit: "Menschen - und Ratten - brauchen ein bisschen Glück, gute Freunde, ein soziales Netz und ein Stückchen Land - dann ist Sucht kein Thema." Der Mainstream hat seine Forschung überrollt.“
Dieser Wahnsinn bedarf keines weiteren Kommentars, aber vielleicht einer Empfehlung:
- Wählen Sie nie Kommunalpolitiker, die an der Schulverpflegung kürzen - unseren Kindern also ungeniert das Vesperbrot wegfressen.
- Wählen Sie nie Bundespolitiker, die den Bildungsgutschein für Kinder in der aktuellen Fassung gut finden. Oder initiiert haben.
Ihr
Wolfgang Knapp
Weiterführende Links:
Download-Anträge direkt bei der Bundesagentur für Arbeit - versuchen Sie mal, den richtigen Antrag zu finden, vielleicht unter:
www.arbeitsagentur.de/nn_26642/zentraler-Content/Vordrucke/A07-Geldleistung/Allgemein/Formulare-Arbeitslosengeld-II.html
Gute Einführung ins Thema: www.dradio.de/aktuell/1441002/
Gute Schritt-für-Schritt-Anleitung: www.helpster.de/bildungsgutschein-fuer-kinder-beantragen_53876
Erfahrungsberichte und weitere Infos:
www.lea-berlin.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1780:sozialarbeiter-auf-heimbesuch--lieber-sportverein-statt-musikunterricht--hartz-iv--kinder-haben-nichts-vom-bildungspaket--bildungsgutscheine-leyen-will-eltern-hartz-iv-geld-hinterhertragen&catid=3:aktuelle-artikelnachrichten&Itemid=82
politgirl.wordpress.com/2011/05/07/bildungsgutschein-eine-farce/
www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-jobcenter-verweigern-teilhabe-antraege-85240.php
de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20110420033438AAVmRdH
www.bea-charlottenburg-wilmersdorf.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1331:update-qbildungspaketq-berlin-ohne-bildungsgutscheine-senat-laesst-arme-kinder-zappeln--lieber-noch-eine-woche-warten--ratlose-jobcenter-antragsflut-zum-bildungspaket-erwartet-noch-immer-sind-viele-fragen-ungeklaert--nachhilfestunden-sind-haerte&catid=1:aktuelle-nachrichten
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